| Home / Allgemeine Pathologie u. Pathologische Anatomie / A. Knochen Inhalt / VIII. Tumoren u. tumorartige Knochenveränderungen |
|
|
|
|
|
VIII.
Tumoren und tumorartige Knochenveränderungen
Die Klassifikation der Knochengeschwülste erfolgt im allgemeinen nach histogenetischen Prinzipien. Dabei ist das Muttergewebe, von dem sich der Tumor ableiten läßt, oder die Grundsubstanz, die vom Tumor gebildet wird, für die Nomenklatur ausschlaggebend. Prinzipiell können neben osteogenen und chondrogenen Neoplasien alle extraskelettalen mesenchymalen Tumoren auch primär im Knochen auftreten, da hier nicht nur Knochen- und Knorpelmatrix sondern auch Fettgewebe, Bindegewebe, Gefäße, glatte Muskulatur und blutbildendes Mark als Ausgangspunkt für einen malignen Tumor vorhanden sind. Darüber hinaus gibt es Knochentumoren unklarer oder strittiger histogenetischer Abkunft, die rein deskriptiv oder mit Eigennamen bezeichnet werden (z.B. Ewing-Sarkom oder Riesenzelltumor).
Da viele nicht-neoplastische tumorartige Veränderungen wie z.B. Zysten, reaktive Knochenveränderungen oder Hamartie-artige Entwicklungsstörungen des Knochens radiologisch oder histologisch einen Tumor imitieren können, werden übereinkunftsgemäß diese tumorartigen Knochenläsionen gemeinsam mit den primären Knochentumoren abgehandelt.
b. Dignität
Neben eindeutig benignen und malignen Tumoren gibt es auch im Knochengewebe Tumorgruppen, deren Dignität weder klinisch noch histologisch sicher abzuschätzen ist (z.B. Riesenzelltumoren, Hämangioperizytome, Hämangioendotheliome). Diese Tumoren rezidivieren häufig, zeigen jedoch nur selten oder spät ein eindeutig malignes Verhalten (Metastasen) und wurden früher als semimaligne bezeichnet. Eine weitere Besonderheit sind unreife, "blastäre" Knochentumoren, die histomorphologisch verdächtig erscheinen, die sich jedoch biologisch überwiegend gutartig verhalten (Osteoblastom, Chondroblastom).
c. Häufigkeit![]()
Knochentumoren sind relativ seltene Geschwülste. (Auf etwa 100 Bindegewebstumoren trifft ein maligner Knochentumor.) Maligne Knochengeschwülste machen nur 1 % aller bösartigen Tumoren aus, benigne Knochentumoren sind etwa 3—5mal häufiger als primäre Knochensarkome. Die häufigsten gutartigen Knochentumoren sind Osteochondrome (kartilaginäre Exostosen) und Chondrome, das häufigste primäre Knochensarkom ist das osteogene Sarkom.
d. Alter und Lokalisation![]()
Die meisten Knochentumoren besitzen typische Prädilektionsstellen im Skelett und ein charakteristisches Prädilektionsalter (Tabelle 19.1). Maligne Knochentumoren finden sich sehr häufig bei Kindern und Jugendlichen, bevorzugt im Bereich der Metaphysen, besonders im Kniegelenksbereich (proximale Tibia- und distale Femurepiphyse).
e. Radiologische Befunde und Diagnostik
Knochentumoren zeigen meist charakteristische röntgenologische Befunde: Neben zystischen Aufhellungen finden sich häufig panostale Reaktionen (Sklerose, Schalenbildung, Codman-Dreieck), senkrecht zum Periost verlaufende Knochenbälkchen (Spiculae), fleckförmige Verkalkungen (insbesondere in Knorpeltumoren) oder sklerotische Knochenrandzonen. Diese Veränderungen sind für das Wachstumsverhalten von Knochentumoren und damit für die Bestimmung der Dignität bzw. der Prognose, aber auch für die histogenetische Artdiagnose von Bedeutung. Die gleichzeitige Beurteilung des Röntgenbildes bei der histologischen Begutachtung von Knochentumoren ist daher unerläßlich. Zusätzlich muß in Einzelfällen die Knochenszintigraphie oder Angiographie zur Beurteilung der metabolischen Aktivität oder der Vaskularisierung von Knochentumoren zur Diagnose herangezogen werden. Ohne die Angabe klinischer Daten (Alter, Geschlecht und Lokalisation des Tumors) und ohne gleichzeitige Vorlage eines Röntgenbildes bzw. zusätzlicher bildgebender Verfahren ist eine histologische Begutachtung von Knochentumoren prinzipiell eingeschränkt und kann in Einzelfällen zu erheblichen Fehldiagnosen mit schwerwiegenden therapeutischen Folgen führen.
|
Tabelle 19.1. Dignität, Lokalisation, Alters- und Geschlechtsverteilung der häufigsten Knochentumoren |
|||||
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|||||
|
|
|
|
|
|
|
|
Osteoid-Osteom |
10 – 30 |
m >> w |
Diaphysen langer Röhrenknochen; kleine Hand- und Fußwurzelknochen (intrakortikal) |
benigne |
Osteoid, Faserknochen, Sklerose |
|
Osteoblastom |
10 – 30 |
m ≥ w |
lange Röhrenknochen, Wirbelkörper |
benigne; potentiell aggressiv |
Osteoid, Faserknochen zelldichte Osteoblasten, Riesenzellen |
|
Osteosarkom |
10 – 20 |
m > w |
Metaphysen langer |
maligne (Mal. Grad I – III) |
Osteoid, Faserknochen. Knorpel, Faserstroma |
|
|
|||||
|
|
|
|
|
|
Verkalkung |
|
Osteochondrom (kartilaginäre Exostose) |
10 – 30 |
m ≥ w |
epi-/ metaphysär, |
benigne (maligne Entartung möglich) |
hyaliner Knorpel, enchondrale Ossifikation, Spongiosa |
|
Chondromyxoidfibrom |
10 – 30 |
w = m |
Metaphysen, untere Extremität |
benigne |
hyaliner Knorpel, myxoides Bindegewebe |
|
Chondroblastom |
10 – 20 |
m > w |
Epiphysen langer Röhrenknochen |
benigne (maligne Entartung möglich, selten) |
unreife Knorpelmatrix, Riesenzellen |
|
Chondrosarkom |
20 – 70 |
m = w |
zentrales Stammskelett, Epiphysen langer Röhrenknochen |
maligne (Mal. Grad I – III) |
hyaliner Knorpel, fleckige Verkalkung |
|
|
|||||
|
|
|
|
|
|
|
|
Ossifizierendes Fibrom |
20 – 30 |
w = m |
Schädel- und Kieferknochen |
benigne |
Faserstroma, Geflechtknochen, evtl. Lamellenknochen |
|
Fibrosarkom |
10 – 70 |
w = m |
epi-, meta- und diaphysär |
maligne (Mal. Grad I - II) |
kollagenes zellreiches Faserstroma |
|
Riesenzelltumor |
20 – 30 |
m ≥ w |
Epiphyse / Röhrenknochen |
meist benigne, potentiell maligne Entartung (primär maligne) |
undifferenzierte mesenchymale Stromazellen, zahlreiche große mehrkernige Riesenzellen |
|
Ewing-Sarkom |
5 – 25 |
m ≥ w |
lange Röhrenknochen, Stammskelett, Beckenknochen |
maligne (Mal. Grad III) |
undifferenziertes kleinzelliges Sarkom ohne Stroma |
|
Chordom |
30 – 70 |
m > w |
subokzipital, |
lokal aggressiv, potentiell maligne, Rezidive |
mukoide und chondroide Matrix, epithelähnliche Zellen |
|
Fibröse Dysplasie |
10 – 30 |
m = w |
Röhrenknochen, monoostotisch und polyostotisch |
benigne. (evtl. maligne Entartung) |
Faserstroma, Faserosteoid, Faserknochen |
|
m: männlich w: weiblich |
|||||
f. Ätiologie und Pathogenese![]()
Gutartige Knochentumoren stellen oft keine echten Neoplasien dar, sondern sind Hamartome oder dysontogenetische Tumoren (z.B. Hämangiome, Enchondrome, Osteochondrome, Osteome).
Besonders bei multifokaler Tumorentstehung ist eine genetisch bedingte, familiäre Belastung bekannt (z.B. bei Enchondromatosen). Bei anderen benignen Knochengeschwülsten werden pathogenetisch reaktive oder reparative Vorgänge diskutiert, insbesondere werden Traumen als ätiologische Faktoren für viele tumorartige Läsionen, aber auch als Kofaktoren bei der Entstehung maligner Tumoren angenommen.
Die Induktion von Knochen- oder Weichgewebssarkomen durch ionisierende Strahlen, insbesondere Röntgenstrahlen oder radioaktive Gammastrahlung, ist seit langer Zeit sowohl tierexperimentell als auch beim Menschen gesichert (Strahlensarkome). Voraussetzung ist eine entsprechend hohe applizierte Strahlendosis und eine entsprechend lange Induktionszeit.
Schließlich konnte in jüngster Zeit zumindest tierexperimentell, aber auch bei menschlichen Knochensarkomen, eine virale Atiologie von osteogenen Sarkomen aber auch von benignen (prämalignen) hyperostotischen Osteopathien (z.B. beim M. Paget, s.S. 833) durch Retroviren wahrscheinlich gemacht werden.
| mailto: Thomas Fixemer 21.08.2000 |